schwarz-weiß Bild von Siemens Maschinen
Der regionale Schwerpunkt des Auslandsengagements liegt in den 1950/60er-Jahren in Europa und Südamerika: Hier zu sehen der Maschinenraum des Kraftwerks San Nicolàs, Argentinien, 1956.
Industrie
4 min

#TBT: Wiederaufbau und Aufstieg zum Weltkonzern

Nach dem Zweiten Weltkrieg muss Siemens sich wieder aufbauen, um an die internationalen Märkte zurückkehren zu können.

Der Zweite Weltkrieg bedeutet für Siemens eine tiefe Zäsur: Infolge des Krieges verliert das Unternehmen vier Fünftel seiner Substanz. Dennoch gelingt es, bis Mitte der 1950er-Jahre Siemens wieder aufzubauen und an die internationalen Märkte zurückzuführen.

1945–1949: Siemens nach Ende des Zweiten Weltkriegs

Ein Grund für den erfolgreichen Wiederaufbau von Siemens nach dem Zweiten Weltkrieg ist die frühzeitige Dezentralisierung des Unternehmens. Bereits Anfang 1945 bildet der Vorstand sogenannte Gruppenleitungen. Diese bestehen aus rund 20, mit Handlungsvollmacht ausgestatteten Führungskräften, die an unterschiedlichen Standorten im Westen und Süden Deutschland Quartier beziehen und von dort aus wichtige Zentralfunktionen wahrnehmen. Die dezentrale Leitung der Siemens-Schuckertwerke befindet sich in Hof, ab Sommer 1945 im unzerstörten Erlangen, wo die Siemens-Reiniger-Werke seit den 1930er-Jahren medizintechnische Geräte produzieren. Die Gruppenleitung von Siemens & Halske wiederum ist in München ansässig.
In der Nachkriegszeit erweist sich diese Entscheidung angesichts der folgenden Teilung des Landes und der politisch heiklen Lage am Traditionsstandort Berlin als strategisch richtig.
Nach einer Phase des Übergangs und der Konsolidierung wird München zum 1. April 1949 der Sitz von Siemens & Halske, Erlangen der der Siemens Schuckertwerke. Berlin bleibt jeweils als zweiter Firmensitz erhalten.

Ab 1948: Wiederbelebung des Auslandsgeschäfts

Wie nach dem Ersten Weltkrieg steht Siemens auch nach 1945 vor der Aufgabe, die frühere Weltmarktstellung zurückzugewinnen. Nachdem die Alliierten ab 1948 die strikten Außenhandelsbeschränkungen für Deutschland lockern, kehrt der Elektrokonzern nach und nach an die Weltmärkte zurück. Im Zuge des Wiederaufbaus kauft man konfiszierte Vertriebs- und Produktionsgesellschaften zurück und gründet neue Auslandsniederlassungen. Zusätzlich investiert Siemens erhebliche Summen in den Rückkauf von Patenten, Namens- und Markenrechten. Zwischen 1952 und 1962 können Siemens-Gesellschaften, -Vertretungen und -Stützpunkte in 30 Ländern (wieder-)aufgebaut werden. Der regionale Schwerpunkt des Auslandsengagements liegt in Europa und Südamerika.
Trotz starker, global agierender amerikanischer Wettbewerber gewinnt Siemens bald prestigeträchtige Großaufträge, die wesentlich zur Belebung des Überseegeschäfts beitragen. Dazu gehören das 1956 fertiggestellte 300-Megawatt-Kraftwerk San Nicolàs in Argentinien, das im selben Jahr errichtete Landesfernmeldenetz für Saudi-Arabien oder der 1957 erteilte Auftrag zur energietechnischen Ausstattung eines Stahlwerks im indischen Rourkela mit Antriebsmotoren und Umspannstationen.
Im Geschäftsjahr 1956/57 trägt das Exportgeschäft von Siemens bereits mit rund 25 Prozent zum Gesamtumsatz bei.

Ab 1953: Engagement auf neuen Geschäftsfeldern

Zu Beginn der 1950er-Jahre konzentriert sich die Unternehmensleitung darauf, sowohl die traditionellen Kerngebiete zu stärken als auch in zukunftsträchtige und wachstumsstarke Geschäftsfelder zu investieren.
Das Erschließen neuer Portfoliobereiche setzt eine aktive Forschungs- und Entwicklungstätigkeit voraus. Dies ist jedoch aufgrund eines in der Nachkriegszeit verhängten alliierten Forschungsverbots für Technologieunternehmen nur eingeschränkt möglich. 1953 gelingt es Siemens-Wissenschaftlern dennoch, ein spezielles Verfahren zur Herstellung von hochreinem Silizium für die Halbleitertechnik zu entwickeln und zu patentieren. Das Unternehmen revolutioniert damit die gesamte Elektrotechnik und steigt erfolgreich in die Mikroelektronik ein. Und es erschließt sich damit eine Schlüsseltechnologie, die auch in andere Produktionsbereiche hineinreicht.
1954, ein Jahr bevor die alliierten Forschungsbeschränkungen vollständig aufgehoben werden, beginnt Siemens sich am bis dato von der amerikanischen IBM dominierten Markt für Datenverarbeitung zu engagieren. 1957 startet man mit dem Digitalrechner 2002 die erste Serienfertigung eines mit neuartigen Transistoren ausgestatteten Computers. Die Mikroelektronik prägt auch die Entwicklung der Automatisierungstechnik. 1958 führt Siemens mit SIMATIC das erste transistorierte Steuerungssystem ein und legt damit den Grundstein für die elektronische Industrieautomatisierung und eines der größten Erfolgsprodukte des gesamten Unternehmens.

1957: Gründung der Siemens Electrogeräte AG

Während des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders in den 1950er- und 1960er-Jahren symbolisieren Waschmaschinen und Kühlschränke oder Radio- und Fernsehgeräte den zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach derlei Konsumgütern, die Siemens seit Anfang des 20. Jahrhunderts produziert.
1957 beschließt Siemens, sämtliche Aktivitäten auf den Geschäftsfeldern Unterhaltungselektronik und Hausgeräte zu bündeln. Infolgedessen werden die Bereiche Rundfunk und Fernsehen aus der Siemens & Halske AG und die Hausgeräteproduktion aus der Siemens-Schuckertwerke AG ausgegliedert und zum 1. Oktober des Jahres in der neu gegründeten Siemens-Electrogeräte AG zusammengefasst.
In den folgenden Jahren verschärft sich der Konkurrenzdruck; allen voran drängen Wettbewerber aus Italien und Japan an den bundesdeutschen Hausgerätemarkt. Während der 1960er-Jahre kommt es zu einem Konzentrationsprozess, in dessen Verlauf die großen deutschen Elektrokonzerne viele der kleinen und mittleren, bis dato unabhängigen, Konsumgüterhersteller aufkaufen. Angesichts dieser Entwicklung sondieren die beiden Marktführer Siemens und Bosch ab 1963 mögliche Formen der Zusammenarbeit. Schließlich fassen sie ihre Hausgeräteaktivitäten 1967 in der Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH (BSH) zusammen.

1966: Gründung der Siemens AG

Zum 1. Oktober 1966 wird die Siemens AG gegründet, in der die Siemens & Halske AG, die Siemens Schuckertwerke AG und die Siemens-Reiniger-Werke AG rechtlich und organisatorisch aufgehen. Mit diesem Schritt ist zugleich der Prozess des Wiederaufbaus und der unternehmerischen Konsolidierung nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.
Mit der Gründung der Siemens AG reagiert die Unternehmensleitung auf strukturelle Veränderungen: Die expansive wirtschaftliche Entwicklung der Firma im In- und Ausland seit Beginn der 1950er-Jahre legt eine Bündelung sämtlicher Geschäftsaktivitäten der drei Stammgesellschaften ebenso nah wie der technologische Fortschritt auf den Siemens-Arbeitsfeldern. Ein erhöhter Investitionsbedarf, allen voran in den vergleichsweise neuen Geschäftsfeldern Halbleiter- und Computertechnik, macht eine einheitliche Führung des Gesamtkonzerns unerlässlich. Ziel der grundlegenden Neuordnung ist es, eine effektivere und kostengünstigere Unternehmensstruktur zu schaffen. Kern der Neuordnung sind sechs überschaubare, in sich geschlossene und überschneidungsfreie Geschäftsbereiche.
Weitere Informationen:
170 Jahre Siemens: Die Zukunft aktiv zu gestalten war stets das Leitmotiv aller Firmenlenker von Siemens: von Werner von Siemens bis zu Joe Kaeser. Dieser Anspruch hat in 170 Jahren aus dem Zehn-Mann-Betrieb in der Schöneberger Straße 19 in Berlin einen global tätigen Konzern gemacht. In unserer "History-Serie" blicken wir zurück in die Geschichte des 1847 gegründeten Technologiekonzerns. Entdecken Sie die spannende Unternehmensentwicklung. Ergründen Sie die innovativen Technologien, die Siemens zu dem Konzern gemacht haben, der er heute ist. Und lernen Sie die Menschen kennen, die diese Geschichte geschrieben haben.1945-1966: Wiederaufbau und Aufstieg zum Weltkonzern
Persönlichkeiten - Die Menschen hinter der Geschichte
Zeitreise durch die Siemens Geschichte
Meistgelesene Artikel
Mobilität

Digital Enterprise Virtual Summit

In einem abwechslungsreichen Programm erfahren Sie alles über digitale Simulation und End-to-end-Integration, über Online- und Remote-Lösungen und über Technologien wie Edge und Cloud Computing, Additive Manufacturing, Industrial 5G, autonome Handlingsysteme oder Künstliche Intelligenz.

Weiterlesen
Energie

Digital Enterprise Virtual Summit

e

In einem abwechslungsreichen Programm erfahren Sie alles über digitale Simulation und End-to-end-Integration, über Online- und Remote-Lösungen und über Technologien wie Edge und Cloud Computing, Additive Manufacturing, Industrial 5G, autonome Handlingsysteme oder Künstliche Intelligenz.

Weiterlesen
Allgemein

Webinar: Smart Buildings

Online

Unsere Antwort auf Ihre Frage: Wie schöpfe ich mit datenbasierten Services das volle Potenzial meines Gebäudes aus? Smart Buildings Die intelligente Datenanalyse ist unsere Antwort auf die modernen Anforderungen Ihres Gebäudes und ist eine grundlegende Weiterentwicklung bestehender Serviceprozesse. Mithilfe dieser werden gesamte Anlagenfunktionen und deren Wirkungsgrad überwacht und damit die Basis für stetige Optimierung Ihres Gebäudes gelegt. Mit einer intelligenten Datenanalyse Ihrer Gebäudeparameter entstehen neue Möglichkeiten, um einen sicheren und energieeffizienten Betrieb sowie eine kontinuierliche Verbesserung der Anlagenperformance zu erreichen. Sie möchten mehr über datenbasierte Services wissen? Unsere Expertin Bettina Schwertl präsentiert Ihnen in diesem Webinar einen Überblick und steht anschließend für Ihre persönlichen Fragen zur Verfügung.

Weiterlesen