Ziel: UX-Leader in der Industrie
Innerhalb eines Jahrzehnts will Siemens die beste User Experience im gesamten Industriesektor bieten. Ein Team in Österreich spielt dabei eine Schlüsselrolle.
© Siemens
Innerhalb eines Jahrzehnts will Siemens die beste User Experience im gesamten Industriesektor bieten. Ein Team in Österreich spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Wenn Ingenieur:innen an Siemens denken, denken sie wohl zuerst an Automatisierung und industrielle Software, jedenfalls aber an Spitzentechnologie. An herausragendes User- Experience(UX)-Design eher weniger. Genau das soll sich aber ändern. Für die Umsetzung dieses Ziels sorgt David Sward. Der UX-Stratege bringt jahrzehntelange Erfahrung aus dem Silicon Valley mit: Bei Intel half er unter anderem, Human-Centred Design als festen Bestandteil der Produktentwicklung zu etablieren. Danach leitete er UX-Organisationen mit Designern, Researchern und Strategen bei Symantec, Cisco und Hewlett Packard Enterprise – verteilt über die USA, Europa und Indien. Sein Credo auf dem Weg, Siemens innerhalb eines Jahrzehnts zum UX-Marktführer im Industriesektor zu machen, formuliert Sward erfrischend simpel: „Wenn zwei Produkte technologisch gleichauf sind, will ich, dass sich der Kunde für das Siemens- Produkt entscheidet – weil die Experience so viel besser ist.“
Die UX-Einheit bei Siemens Foundational Technologies mit rund 230 Mitarbeitenden, die David Sward seit etwa dreieinhalb Jahren leitet, ist auf drei Säulen aufgebaut, die ineinandergreifen wie Zahnräder eines Uhrwerks. Die erste Säule – Advanced Experience Research – beobachtet den Technologiehorizont. Hier werden aufkommende Trends identifiziert, die für Siemens besonders wertvoll sein könnten: Sei es für die interne Produktentwicklung oder für Technologien, die direkt in Kundenprodukte einfließen sollen. Die zweite Säule umfasst die horizontale Arbeit quer durch das Unternehmen. Ihr Herzstück ist die Siemens Design Language – eine einheitliche Designsprache, die sicherstellt, dass jedes Produkt klar als eines von Siemens erkennbar ist. Sie besteht aus einem Software- Teil und dem Industrial Design Management für die Hardware. Ergänzt wird diese Säule durch den Bereich Insights: Telemetriedaten zeigen, wie Kunden ein Produkt tatsächlich nutzen – und ob sie dem sogenannten „Happy Path“, wie Sward es nennt, folgen, den die Designer für sie vorgesehen haben. Tun sie es nicht, wird das Produkt rasch angepasst. Die dritte Säule – das Services-Team – ist die mit Abstand größte Gruppe und hat ihren Schwerpunkt am Standort Linz. Rund 130 Mitarbeitende – verteilt auf Standorte in Deutschland, Ungarn, Indien und Portugal und etwa 20 davon in Österreich tätig – sorgen dafür, dass die Erkenntnisse aus Forschung und Design tatsächlich in die Produkte einfließen.
„Mein ganzes Berufsleben hat sich um die Frage gedreht: Wie machen wir die Produkte, die wir unseren Kunden anbieten, einfacher in der Nutzung?“, sagt Sward. Um dorthin zu gelangen, hat er mehrere Fokusgebiete definiert. Dazu zählen etwa benutzerfreundlichere Produkte durch erstklassige Design-Kompetenz sowie geistiges Eigentum aus kuratierten Kunden-Experiences generieren und schützen. Außerdem – und das ist laut Sward das Kernstück – die Gestaltung einer überzeugenden End-to-End-Experience. „Ich kann großartige Technologie haben. Ich kann viel geistiges Eigentum geschützt haben. Wenn ich das nicht zu einer überzeugenden Endto- End-Experience für den Kunden zusammenwebe, sind die anderen beiden Punkte nicht viel wert“, betont er. Ein weiterer zentraler Aspekt sind integrierte Workflows: Kunden, die eine Aufgabe über mehrere Siemens-Produkte hinweg erledigen, sollen sich nicht aus einem System aus- und in ein anderes einloggen müssen. „Das muss eine nahtlose Erfahrung sein“, fordert Sward.
Hinter dem organisatorischen Aufbau steht eine strategische Erkenntnis, die über reines Design hinausgeht: Siemens transformiert sich zum digitalen Unternehmen, das Industrial IoT ist ein Schlüsselelement dieser Transformation. Erfolgreiche digitale Produkte brauchen aber nicht nur die richtige innovative Technologie – sie müssen auch die passendsten Angebote für den Kunden identifizieren. Eine der größten Herausforderungen dabei: den Nutzen für die Anwendenden mit dem Business Value in Einklang zu bringen. Genau darauf liegt ein wichtiger Fokus von Swards Team.
© SiemensSiemens wird zur ONE Tech Company u.a. durch die digitale Businessplattform Siemens Xcelerator und ein
einheitliches Engineeringtool – UX ist in die Neuaufstellung intensiv involviert.
Siemens hat seine Design Language zudem als Open Source freigegeben. Ökosystem- Partner, die Produkte im Rahmen von Siemens Xcelerator entwickeln, können und sollen die Designsprache nutzen – damit das Ergebnis wie ein Siemens- Produkt aussieht und sich auch so anfühlt. Auch in einem anderen Bereich geht Sward bewusst nach außen: Bei der renommierten Computer-Human- Interaction(CHI)-Konferenz in Hamburg trat Siemens als bedeutender Sponsor auf – ein Signal an mehrere tausend Fachleute. „Viele Leute dort sagten mir: Ich wusste gar nicht, dass Siemens eine UX-Abteilung hat“, erzählt Sward. „Ich entgegnete: Doch, und zwar deutlich mehr, als ihr denkt.“ Das Fernziel: Wenn junge Design- Talente ihren Abschluss machen, sollen sie künftig nicht nur an Apple, Google oder Meta denken – sondern auch an Siemens. „So werden wir letztendlich unser Ziel erreichen“, ist Sward überzeugt. Etwa sieben Jahre bleiben noch auf der selbstgesetzten Zehn-Jahres-Reise.
Die verändernde Kraft von KI macht sich auch im Bereich User Experience bemerkbar. Sward unterscheidet klar zwischen zwei Richtungen: AI für UX – der Einsatz von KI, um den Designprozess effizienter zu machen, etwa durch automatisch generierte Wireframes oder alternative Entwurfsvarianten für Kundentests. Und UX für AI – die weitaus komplexere Frage, wie sich KI-Funktionalität in einem Produkt dem Nutzer präsentieren soll. Soll der Anwender sein Smartphone zücken und mit der KI sprechen? Soll ein intelligenter Assistent automatisch den Status mehrerer Fabriken aggregieren, statt dass sich der Nutzer durch Dashboards klickt? Swards Team arbeitet aktiv daran, genau solche Interaktionsparadigmen zu definieren – bevor sie ad hoc und uneinheitlich entstehen.
© SiemensWie bleibt der Mensch eingebunden, ohne dass die Automatisierung ihren Nutzen verliert?
Spannend wird es auch, wenn Sward über das richtige Maß an Automatisierung spricht. Er zieht eine Parallele zur Luftfahrt: In den Anfängen des Autopiloten kam es zu Unfällen, weil Piloten das Situationsbewusstsein verloren haben. Je länger der Autopilot aktiv war, desto weiter entfernte sich der Pilot vom realen Systemzustand des Flugzeugs. Im Notfall brauchte er zu lange, um die Lage zu erfassen. „Was wir bei der Fabriksautomatisierung erleben, ist nichts anderes“, sagt Sward. „Die entscheidende Frage lautet: Wie bleibt der Mensch eingebunden, ohne dass die Automatisierung ihren Nutzen verliert?“ Die Lehren aus der Luftfahrt müssen in den industriellen Raum übertragen werden, bevor dort dieselben Fehler passieren, fordert Sward. Siemens ist technologisch bereits führend. Nun geht es darum, auf dieser Basis die beste Nutzererfahrung der gesamten Branche zu bauen – und damit neue Interaktions- und Wertschöpfungsparadigmen für das industrielle IoT zu prägen. Dafür braucht es keinen einzelnen Geniestreich, sondern hunderte ineinandergreifende Aktivitäten: von der Design Language über Schulungsprogramme bis zur gezielten Rekrutierung. „Wir wollen auf dieser fantastischen Technologie aufbauen und die beste Experience im Industriebereich liefern, verglichen mit allen unseren Wettbewerbern“, fasst Sward zusammen.
INFOBOX
Das UX-Powerhouse in Linz
Die Servicegruppe ist das operative Herz der Siemens-UX-Organisation. Als Teil eines internationalen Teams sind am Siemens-Standort in Linz rund 20 Mitarbeitende (diverses Team, Altersdurchschnitt um 30 Jahre, 40 Prozent Frauenanteil) unter der Führung von Markus Bohensky aktiv. Sie setzen um, was in den Bereichen Advanced Experience Research und horizontale Design-Language-Arbeit erarbeitet wird, und integrieren es in Produkte quer über das gesamte Siemens-Portfolio. Die Linzer UX-Expert:innen übernehmen entweder die gesamte UX-Arbeit für ein Produkt oder sie ergänzen partnerschaftlich die bereits in den Geschäftseinheiten eingebetteten UX-Teams. Ein besonderer Fokus liegt auf der Developer Experience – also der Frage, wie die Entwicklungsumgebung bei Siemens über alle Tools hinweg verbessert werden kann. Der Standort in Linz ist weit mehr als eine Außenstelle: Er ist die Brücke zwischen UX-Vision und Produktrealität.
Zweimal jährlich gibt es zusätzlich zu hi!tech digital wahlweise das Magazin als gedruckte Ausgabe