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Passivhaus-Hotel

Vor bald zehn Jahren hat in Wien das weltweit erste Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz eröffnet.

Nachhaltigkeit

26.03.2020

Lesezeit 5 Min

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Von der Straße aus betrachtet wirkt der sechsgeschossige Bau ziemlich unscheinbar. Umso grösser die Überraschung, wenn man den Innenhof betritt. Auf dem Flachdach blühen Rosen und Lavendel, Kletterpflanzen ranken sich die Fassade empor, unterbrochen nur von schwarzblau glänzenden Sonnenkollektoren. Jeder sieht: Das Boutiquehotel Hotel Stadthalle im 15. Bezirk von Wien hat ein grünes Herz. Verborgen bleibt dem Besucher hingegen die komplexe Gebäudetechnik, die dieses Herz zum Schlagen bringt. Und das Drei-Sterne-Haus zum ersten Stadthotel weltweit gemacht hat, das eine Null-Energie-Bilanz vorweisen konnte.

Begonnen hat alles im Jahr 2007. Damals beschloss Michaela Reitterer, Inhaberin und Direktorin, das 140 Jahre alte Hotel energetisch zu sanieren und zu vergrößern. Einige Jahre zuvor hatte sie den Familienbetrieb von ihren Eltern gekauft. Der Erweiterungsbau, den sie plante, sollte die die Kapazität des Hauses von 42 auf 80 Zimmer beinahe verdoppeln. Und er sollte in energetischer Hinsicht neue Maßstäbe setzen. Das Ziel war ein Gebäude, das die Energie, die es benötigt, selber produziert.

Gebäudetechnik spielt Schlüsselrolle

Das Projekt umfasste so ziemlich jede Technologie, die damals für energieeffizientes Bauen zur Verfügung stand. Eine 94-Quadratmeter-Photovoltaikanlage liefert Strom. 130 Quadratmeter thermische Sonnenkollektoren dienen zur Warmwassererzeugung und zur Beheizung. Zusätzlich kommt eine Wasser-Wasser-Wärmepumpe zum Einsatz, weil die Solaranlage nicht immer genügend Energie liefert.

„Im Keller stehen drei riesige Zisternen“, sagt Reitterer. Diese werden mit Grundwasser aus dem eigenen Brunnen gefüllt. Solaranlage und Wärmepumpe heizen dieses Wasser auf. Die Energie wird für Plattentauscher verwendet, welche bei Bedarf Frischwasser erhitzen, das dann als Brauchwarmwasser aus den Hahnen und Duschbrausen strömt.


Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Mess- und Regeltechnik zu. Herzstück der Anlage ist das Gebäudeautomationssystem Desigo von Siemens. Es sorgt für ein optimales Zusammenspiel der Komponenten – und stellt sicher, dass der Komfort für die Gäste zu jeder Zeit sichergestellt ist.

Nachhaltigkeit allein reicht nicht aus. Michaela Reitterer setzt auf einen Mix aus Umweltfreundlichkeit und Design.© Siemens
Nachhaltigkeit allein reicht nicht aus. Michaela Reitterer setzt auf einen Mix aus Umweltfreundlichkeit und Design. (Copyright: Siemens)

Das erste als Passivhaus konzipierte Hotel von Wien

Für eine Null-Energie-Bilanz braucht es neben Energieerzeugern auch eine gute Wärmedämmung. „Unser Erweiterungsbau entspricht dem Passivhaus-Standard“, sagt Michaela Reitterer. Dazu gehören etwa dreifach verglaste Fenster oder eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmrückgewinnung.

So weit ist man bei der Sanierung des Altbaus nicht gegangen. „Das wäre unbezahlbar gewesen“, sagt Reitterer. Gleichwohl spielt das altehrwürdige Stammhaus eine wichtige Rolle im Energiekonzept. Es versorgt den neuen Teil des Hotels bei Lastspitzen mit zusätzlicher Energie.

Zwar decken Solaranlage und Wärmepumpe übers Jahr den Bedarf des Erweiterungsbaus. Doch kurzzeitig kann es schon mal zu Engpässen kommen, „beispielsweise wenn an einem Sonntagmorgen im Winter viele Gäste gleichzeitig warm duschen wollen“, erklärt Reitterer. „In solchen Fällen holt sich das Gebäudeautomationssystem automatisch Fernwärme aus dem Stammhaus.“ Auch Strom kommt notfalls aus dem alten Gebäude. Im Gegenzug liefert der Neubau warmes Wasser in den Altbau.

Komfort und Ökologie in Einklang zu bringen, ist nicht immer einfach. Das sei schon bei der Planung deutlich geworden, erinnert sich Michaela Reitterer. „Wenn es nach den Technikern gegangen wäre, könnte man heute die Fenster nicht öffnen“, sagt die Hoteldirektorin. „Die große Kunst besteht darin, anspruchsvolle Technik und maximalen Wohlfühlfaktor für den Gast miteinander zu verbinden.“

System hat sich bewährt

Wenn es um die technologische Entwicklung geht, sind zehn Jahre eine lange Zeit: So sorgte 2008 allein schon die Idee, ein Hotel komplett mit LED zu beleuchten, noch für Aufsehen – heute ist das schlicht Standard. „Im Vergleich zu dem, was heute möglich ist, befanden wir uns damals noch in der Steinzeit“, sagt Reitterer. Umso mehr erfüllt es sie mit Stolz, dass die einst gewählte Lösung nach wie vor einwandfrei funktioniert. „Auch das ist für mich eine Form von Nachhaltigkeit“, sagt sie.

Und auch die Zahlen sprechen für sich: Während bei anderen Stadthotels  die Energiekosten von 5 bis 6 Prozent der Gesamtausgaben ausmachen, schwanken sie in Reitterers Betrieb zwischen 2 und 2,4 Prozent. „Da erblassen meine Kollegen vor Neid“, so die Direktorin.