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Teilen, aber fair

Datensouveränität in offenen Ökosystemen: die Zusammenarbeit überFirmengrenzen hinweg erfordert klare…

Nachhaltigkeit

11.01.2024

Lesezeit 10 Min

Michael Heiss

Datensouveränität in offenen Ökosystemen: die Zusammenarbeit über
Firmengrenzen hinweg erfordert klare Regeln für das Teilen von Daten
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Der fünfjährige Jakob fragt seine Eltern, was denn Dividieren sei. Sie erklären: „Wenn du 6 Stück Schokolade hast und die mit deiner Schwester teilst, wieviel Stück sind das dann für jeden?“ Jakob fragt nach: „Wie teilen? Gerecht?“

Das Konzept der Gerechtigkeit und Fairness kennen wir aus frühester Kindheit. Beim Teilen von Schokolade ist es noch einfach, was gerechtes Teilen bedeutet: „Jeder bekommt 3 Stück“, antwortet Jakob prompt. Beim Teilen von industriellen Daten aber herrscht viel Misstrauen, ob sich alle fair verhalten – ganz besonders, wenn es um sensible Produktionsdaten geht. Da werden umfangreiche Verträge ausgehandelt, die viel Zeit und Geld kosten und das Teilen von Daten aufwendig machen. Dabei wüssten wir auch heute noch, was fair ist, wenn wir ganz ehrlich zu uns sind.

Das Austauschen von Daten über Firmengrenzen hinweg ist jedenfalls notwendig, wenn wir die großen Herausforderungen unserer Zeit wie zum Bespiel den Klimawandel gemeinsam bewältigen wollen.

Ziel von europäischen Initiativen wie Gaia-X und Manufacturing-X ist, dieses Teilen von Daten so einfach wie möglich zu machen. Die Basis für diesen Austausch ist die Datensouveränität: Jenes Unternehmen, das die Daten generiert hat, bestimmt selbst, wer an welchem Ort und wie lange die Daten zu welchem Zweck und welchem Preis verwenden darf.

Ökologischer Fußabdruck von Produkten

Ein Beispiel für einen Datenaustausch im Bereich Nachhaltigkeit ist der ökologische Fußabdruck von Produkten. In Zukunft wird es für immer mehr Produkte verpflichtend sein, den Product Carbon Footprint (PCF) – also den CO2– Fußabdruck eines Erzeugnisses – anzugeben. Man kann sich das so vorstellen, dass jedes Produkt nicht nur einen Preis hat, sondern auch ein Wert angeführt ist, der über die im gesamten Produktionsprozess angefallenen CO2-Emissionen Auskunft gibt. Produkte mit einem geringeren PCF werden einen Wettbewerbsvorteil haben.

Wie gelingt es aber, den CO2-Fußabdruck so gering wie möglich zu halten? Es wird nicht ausreichen, dass man als produzierendes Unternehmen nur für sich selbst versucht, seinen eigenen Beitrag zum CO2-Fußabdruck möglichst klein zu halten. Auch Faktoren wie der Einkauf der Rohmaterialen und andere Zukaufsteile müssen dabei berücksichtigt werden. Um den gesamten Product Carbon Footprint zu errechnen, müssen dann auch diese Anteile zum eigenen PCF dazugezählt werden. Zum fälschungssicheren Einsammeln der Anteile des CO2-Fußabdrucks entlang der ganzen Lieferkette hat Siemens das Emissionsmanagement-Tool SiGreen entwickelt.

Klingt so, als wäre alles schon gelöst. Das ist auch richtig für einen ersten pragmatischen Schritt. So bekommt man Transparenz, wo der größte Teil des Product Carbon Footprint entsteht und wo deshalb auch der Fokus der Verbesserungsmaßnahmen liegen sollte.

Aber es hat schon einen Nobelpreis für die Einsicht gegeben, dass, wenn jeder nur auf sich selbst schaut, nicht automatisch das gesamtheitliche Optimum (Techniker:innen nennen das „globales Optimum“) erzielt wird. Und genau das passiert beim Beispiel des CO2-Fußabdrucks: Jedes Unternehmen entlang der Lieferkette wird in Zukunft versuchen, seinen eigenen Beitrag zum PCF so gering wie möglich zu halten – aber nur vom Firmen-Eingang bis zum Ausgang, man nennt das deshalb Gate-to-Gate. Nur, das bedeutet noch lange nicht, dass der Gesamt-CO2-Fußabdruck des Produkts nicht noch weiter verbessert werden könnte. Dafür ist es notwendig, den Product Carbon Footprint des gesamten Ökosystems entlang der Lieferkette gemeinsam zu verbessern.

Zwei Personen stehen vor einem Bildschirm auf welchem verschiedene Diagramme zu sehen sind

Der Austausch von Daten über Firmengrenzen hinweg ist notwendig, wenn wir die großen Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam bewältigen wollen.

Ein Beispiel: Der CO2-Fußabdruck einer Maschine wird am meisten dadurch beeinflusst, wie viel Kilogramm Stahl diese enthält. Wenn also der Maschinenbauer für seine Maschine einen möglichst geringen PCF erreichen will, könnte er die Maschinen weniger stabil konstruieren und hätte leichtes Spiel, bei gleichem oder sogar geringerem Preis auch noch zusätzlich einen geringeren CO2-Fußabdruck zu erreichen.

Wenn dann aber der Kunde, bei dem die Maschine im Einsatz ist, in seiner Fertigung eine geringere Qualität produziert – beispielsweise die Abmessungen ungenauer einhält – und das fertige Produkt dann deshalb während seiner ganzen Lebensdauer mehr Energie verbraucht, dann ist der Product Carbon Footprint über die gesamte Lebensdauer größer, als wenn die Maschine von Beginn an stabiler gebaut worden wäre – und die Maschine selbst dadurch einen etwas größeren PCF gehabt hätte. Es ist also wichtig, das gesamte Ökosystem zu beachten und nicht nur jedes einzelnem Unternehmen entlang der Lieferkette.

Datenaustausch im Ökosystem

Im Rahmen des österreichischen Forschungsprojekts ResearchLin-X untersucht die Johannes Kepler Universität in Linz in der dort angesiedelten LIT Factory gemeinsam mit Unternehmen wie Siemens, Engel, Haidlmair, Motan und Westcam sowie der TU Wien, um wieviel der CO2-Fußabdruck verbessert werden kann, wenn im Ökosystem Daten ausgetauscht werden. In diesem Projekt geht es um die Minimierung des PCF beim Spritzgießen. Zum Spritzgießen benötigt man eine Form, in die Material hineingespritzt wird. Dafür muss das Granulat des Materials richtig getrocknet und vorgewärmt sein und die Steuerungen der Spritzgießmaschine sorgen dafür, dass die Produktion effizient abläuft. Wenn zwischen diesen Prozessschritten und damit zwischen den daran beteiligten Unternehmen Daten ausgetauscht werden, dann wird ein geringerer CO2-Fußabdruck erzielbar sein, da der Datenaustausch eine perfekte Abstimmung untereinander ermöglicht.

Initiativen wie GAIA-X, AMIDS (Austrian Manufacturing Innovation Data Space) und Manufacturing-X helfen, diesen Datenaustausch einfach zu machen. Dazu gehört, dass es faire Regeln, also Verträge, für den Datenaustausch gibt, die dann nicht mehr verhandelt werden müssen. Die Firmen müssen nur noch die passende Option auswählen. Auch das Datenmodell ist so gestaltet, dass der Empfänger der Daten diese auch ohne große Übersetzungsarbeit gleich verstehen kann: Im genannten Forschungsprojekt wird die standardisierte Asset Administration Shell (AAS) für die einheitliche Datenbeschreibung verwendet. Noch einen Schritt weiter geht das „Compute-to Data“-Konzept, wo dann nicht mehr die Daten ausgetauscht werden, sondern nur der Algorithmus; die eigentliche Berechnung findet dann vor Ort statt, ohne dass die Daten das Unternehmen verlassen.

Diese Öffnung der Unternehmen für den Datenaustausch oder sogar noch höherwertige Zusammenarbeitsformen in Ökosystemen ist einer der wichtigsten Paradigmenwechsel unserer Zeit. Nur gemeinsam werden wir die bevorstehenden großen Herausforderungen bewältigen können. Die vielen österreichischen kleinen und mittelständischen Unternehmen haben hier eine wichtige Rolle mit vielen Chancen in diesen neuen Ökosystemen.

Interview des Verlags Ablinger Garber mit Michael Freyny, Leiter Siemens Digital Industries in Österreich, über Datensouveränität in offenen Ökosystemen.

„Unternehmen, die sich gezielt in Ökosysteme einbinden, werden im Vorteil sein.“

Michael Freyny, Leiter Siemens Digital Industries in Österreich


Datensouveränität ist heute ein wichtiger Aspekt. Aber war es nicht schon immer so, dass Unternehmen Kontrolle über ihre Daten wollten?
Im Prinzip ja, aber es findet gerade ein Paradigmenwechsel in Richtung offener Ökosysteme statt. Wir haben hier die digitale Business-Plattform Siemens Xcelerator ins Leben gerufen, die neben einem umfassenden Angebot an IOT-fähigen Software- und Hardwarelösungen die Zusammenarbeit zwischen Kunden, Siemens und zertifizierten Partnern ermöglicht. Das Netzwerk, das von großen Technologieunternehmen bis hin zu unabhängigen Softwareentwicklern reicht, macht es notwendig, viel öfter Daten zwischen den Akteuren auszutauschen. Für die Datennutzung in offenen Ökosystemen brauchen wir bewährte Regeln, die von unabhängiger Stelle auf Fairness geprüft sind.

Warum wird gerade jetzt der Datenaustausch zwischen Unternehmen zunehmend wichtig?
Die großen Herausforderungen unserer Zeit wie Klimawandel, geopolitische Krisen oder Lieferschwierigkeiten haben eine Komplexität erreicht, die ein Unternehmen allein nicht mehr bewältigen kann. Das funktioniert nur gemeinsam über Firmengrenzen hinweg. Nehmen wir als Beispiel den CO2-Fußabdruck eines Produkts. Unser Emissionsmanagement-Tool Sigreen sammelt Daten dort, wo Emissionen tatsächlich entstehen, nämlich vor allem in der vorgelagerten Produktion. Der Einsatz von kryptografischen Schlüsseln sowie unabhängige Zertifizierer garantieren ein hohes Maß an Datenschutz und die Vertrauenswürdigkeit der geteilten Information. Das ist aber nur der erste Schritt: Ein Maschinenbauer weiß beispielsweise genau, wie seine Maschine eingesetzt werden muss, damit der CO2-Fußabdruck möglichst gering ist. Die mit diesem Wissen verbundenen Daten müssten an das Unternehmen weitergegeben werden, das diese Maschine einsetzt. Im Gegenzug müssten die Daten, die bei der Herstellung des Produktes anfallen, wieder an den Maschinenbauer zurückfließen, damit er seine Maschinen laufend verbessern kann. Das heißt, die Grenzen zwischen den Unternehmen verschwimmen, es wird gesamtheitlich optimiert.

Was empfehlen Sie Unternehmen im Hinblick auf Datensouveränität?
Wie und von wem Daten genutzt werden, ist von großer strategischer Bedeutung für Europa. Österreich hat hier eine sehr wichtige Rolle und in
der Fertigungsindustrie sogar eine führende Rolle. Unternehmen sollten eine Strategie entwickeln, wie sie sich für künftige Ökosysteme öffnen können. Sich zu verschließen wäre gefährlich. Jene Unternehmen, die sich gezielt in Ökosysteme einbinden, werden im Vorteil sein.

Das Interview ist in einer längeren Version zuerst in der Publikation „Starkes Land Österreich“ des Verlags Ablinger Garber erschienen.

Über den Autor

Michael Heiss
Michael Heiss ist Principal Consultant für Digital Enterprise bei der Siemens AG Österreich und Honorarprofessor für Innovations- und Technologiemanagement an der TU-Wien.
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